Medallist: Hans Reinhart der Ältere, 1510–1581
für Moritz, Herzog von Sachsen, 1541–1553
Breite Silber-Gussmedaille 1544. (Ø 103 mm; 257 gr). PROPTER SCELVS POPVLI MEI PERCVSSI EVM ESAIAE LIII.
Die Vorderseite zeigt die Darstellung der Dreifaltigkeit Gottes, die im Deutschen als Gnadenstuhl bekannt ist. Gott Vater sitzt auf einem reich verzierten Thron und hält Reichsapfel und Zepter. Vor ihm befindet sich der gekreuzigte Jesus und über Jesus schwebt der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube, während Engel und Putten den Thron umgeben. Auf der Rückseite halten zwei stehende Engel eine grosse Schrifttafel, welche Ausschnitte aus dem berühmten Athanasischen Glaubensbekenntnis trägt.
Äussert selten. Choice extremely fine
Los 88 / Schätzung CHF 75’000 / Zuschlag CHF 120’000
Reference: Habich II, S. 283, n°1962 (dieses Exemplar).
Provenance: Sammlung Dr. Engelhardt, Auktion J. und A. Eberstein, Dresden (Deutschland), 29. Oktober 1888, Los n°242.
Sammlung Hermann Vogel, Auktion Leo Hamburger, Frankfurt a.M. (Deutschland), 4. November 1924, Los n°177.
Auktion Sotheby’s, London (Grossbritanien), 8. Juli 1997, Los n°70.
Künstlerischer Wert, historische Bedeutung und Symbolkraft: selten vereint eine Medaille all diese Eigenschaften auf einmal. Und noch seltener vermag eine Medaille, den Geist ihrer Zeit auf eine solche Weise einzufangen. Doch wenn all diese Faktoren zusammentreffen, wie es hier der Fall ist, wird eine Medaille zu einem wahrhaftigen Meisterwerk!
Unser Video stellt die Besonderheiten dieser Medaille vor, wie ihre Ikonographie, ihre Seltenheit, ihre historische und numismatische Bedeutung sowie ihren künstlerischen Wert.
Hergestellt wurde die Medaille in Leipzig (Deutschland) im Jahre 1544 von Hans Reinhart «dem Älteren» für den Herzog Moritz von Sachen (1521–1553). Die beeindruckende Ikonographie der Vorderseite gab ihr den Namen «Dreifaltigkeits-Medaille». Sie gilt unbestritten als das grösste Meisterwerk der deutschen Renaissance-Medaillenkunst.
Doch für uns ist sie mehr als ein künstlerisches Meisterwerk. Sie ist auch ein in Silber gegossenes, eindrucksvolles und ergreifendes Zeugnis eines verzweifelten Versuchs, eine grosse Katastrophe zu verhindern: die Spaltung des christlichen Glaubens in zwei Konfessionen, die das Heilige Römische Reich für Jahrhunderte belastete und fast zerstörte.


Die Dreifaltigkeit: Gott Vater, Sohn Jesus Christus und der Heilige Geist.
Auf der Vorderseite ist die Darstellung der Dreifaltigkeit zu sehen, die im deutschen Sprachraum auch als «Gnadenstuhl» bekannt ist. Gott Vater sitzt auf einem reich verzierten Thron und hält Reichsapfel und Zepter. Vor ihm befindet sich der gekreuzigte Jesus und über Jesus schwebt der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube. Engel und Engelsköpfe umgeben den Thron.
Auf der Rückseite halten zwei stehende Engel eine grosse Schrifttafel, welche Ausschnitte aus dem berühmten Athanasischen Glaubensbekenntnis trägt.
Äusserst bemerkenswert ist, dass dieses Exemplar eines von schätzungsweise nur noch 15 bekannten Exemplaren ist, die den Lauf der Zeit überdauert haben. 10 der bekannten Exemplare befinden sich in Museen. In anderen Worten und nach unserem Wissen, lassen sich die auf dem Markt verbleibenden Stücke, einschliesslich dieses Exemplars hier, an einer Hand abzählen. Die Bekanntheit der Institutionen, welche das Glück haben, im Besitz eines solchen Meisterwerks zu sein, verdeutlicht die ausserordentliche Bedeutung der Dreifaltigkeits-Medaille zusätzlich.
Zu den Besitzern gehören unter anderem die deutschen Münzkabinette von Berlin, Dresden, Gotha, München und Weimar sowie das Wiener Münzkabinett, die American Numismatic Society in New York und das British Museum in London.
Wie bereits erwähnt, wurde die Medaille im Jahre 1544 in Leipzig (Deutschland) für den Herzog Moritz von Sachsen hergestellt. In einer Zeit, in der das Heilige Römische Reich von religiösen Streitigkeiten um grundsätzliche Fragen zum rechten Glauben erschüttert wurde. Denn keine 30 Jahre zuvor, am 31. Oktober 1517, nagelte Martin Luther seine berühmten 95 Thesen an die Tore der Allerheiligenkirche in Wittenberg.
Dieser religiöse Disput markiert den Beginn der Spaltung des christlichen Glaubens in zwei Lager.

Auch Moritz von Sachsen war davon persönliche betroffen und hin- und hergerissen zwischen den alten und den neuen Glaubenssätzen.
Obwohl beide katholisch erzogen wurden trate er als auch sein Vater vor Kurzem zum neuen Glauben über.
Als Sachsens Landesherr befand sich Moritz im Konflikt zwischen seinem Willen, Karl dem Fünften, dem katholischen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, treu zu bleiben, und seiner Bereitschaft, den neu gegründeten Schmalkalischen Bund zu unterstützen. Ein militärisches Bündnis, das zur Verteidigung der Rechte der Protestanten gegründet wurde.
Was diese Medaille so aussergewöhnlich macht, ist die Tatsache, dass sie als sehr wertvolles diplomatisches Geschenk diente, indem sie die Macht der Schönheit und der Kunst nutzte, um in einem verzweifelten Versuch den Frieden zu sichern, und einen der ersten Religionskriege zwischen Protestanten und Katholiken in Mitteleuropa zu verhindern.
Die Medaille plädierte für die Einheit der Christenheit und wollte beide Parteien – Katholiken wie Protestanten – an ihren gemeinsamen Glauben an die Dreifaltigkeit Gottes und das Athanasische Glaubensbekenntnis erinnern.
Als eine der grössten deutschen Renaissance-Medaillen, die je erschaffen wurde, ist diese Medaille ein wahres Meisterwerk der Medaillenkunst. Hier hat Hans Reinhart der Ältere sein Opus Magnus vollbracht. Er beherrschte nicht nur das typische Hochrelief, für das die deutschen Renaissance-Medaillen bekannt sind, meisterlich, sondern ging noch einen unkonventionellen Schritt weiter und machte diese Medaille zu einer echten Meisterleistung, indem er getrennt angefertigte dreidimensionale Miniaturskulpturen, wie zum Beispiel den Bart des Gott Vaters, das Kruzifix oder die Taube, durch Auflöten mit der Medaille verband.
Mit dieser Fertigungstechnik, welche erstmals von einem Medailleur angewendet wurde, gelang es ihm, die gängige Medaillenkunst zu übertreffen, sodass die Dreifaltigkeits-Medaille durchaus als eine dreidimensionale Skulptur angesehen werden kann.

Cranachs Gemälde der Heiligen Dreifaltigkeit, welches sich heute im Museum der bildenden Künste in Leipzig (Deutschland) befindet, veranschaulicht diese Idee zutreffend: Dort sieht man Gott Vater mit wallendem Bart, gekleidet in reich verzierten Gewändern und Krone sowie Christus, der heilige Geist und geflügelte Engelsköpfe, die den Himmel zieren.
Wenn wir uns die wunderbare Art und Weise ansehen, wie Reinhart die Dreifaltigkeit auf seiner Medaille dargestellt hat, taucht unweigerlich die Erinnerung an einen weiteren, bekannten Künstler auf: Lucas Cranach den Älteren (1472–1553).
Cranach der Ältere, der als einer der bedeutendsten, wenn nicht der bedeutendste Maler seiner Zeit gilt, war nicht nur eine Inspiration für Reinhart, sondern auch einer seiner Bekannten, und man kann sich durchaus vorstellen, dass Cranach sogar in irgendeiner Weise an der Ausarbeitung dieser Medaille beteiligt gewesen sein könnte.

Obwohl sich Reinhart von Lucas Cranach inspirieren liess, hat er die Dreifaltigkeits-Medaille zu seinem eigenen Meisterwerk gemacht. Zwar lassen sich zahlreiche ikonographische Elemente, die der Künstler auf dieser Medaille verwendet, direkt der Renaissance zuordnen, wie die typische Dekoration des Throns und die symmetrische Anordnung der Szene, doch der Reichtum und die Pracht der Attribute Gott Vaters sowie der Gesamteindruck und die Opulenz, stellen die Medaille gleichsam an die Spitze des aufkommenden Manierismus und Frühbarocks. Das macht diese Medaille zu einem wichtigen Meilenstein in der spannenden Geschichte der Medaillenkunst.
Faszinierend ist, dass die Geschichte dieser Medaille als Sammlerobjekt mehr als 200 Jahre zurückverfolgt werden kann und es überrascht nicht, dass sie eine aussergewöhnliche und prestigeträchtige Provenienz aufweist. Die Medaille gehörte einst zur Sammlung von Dr. August Moritz Engelhardt, einem berühmten Rechtsberater und Notar in Dresden (Deutschland), Hofrat und Finanzchef der Prinzessin Amelie von Sachsen.
Am 29. Oktober 1888 wurde die Medaille in einer Auktion von Julius und Albert Erbstein in Dresden versteigert und war gleichzeitig Höhepunkt dieser sehr umfassenden und beeindruckenden Versteigerung.
Der glückliche Käufer war damals Herr Geheimrat Hermann Vogel, ein Grossindustrieller aus Chemnitz (Deutschland). Vogel gab nicht weniger als 2’500 Goldmark aus, was fast 900 Gramm Feingold entspricht, um neuer Besitzer dieser Medaille zu werden. Seine Sammlung von Kunstmedaillen, die seinerzeit als die bedeutendste in Deutschland und sogar in Europa bezeichnet wurde, gelangte am 4. November 1924, sechs Jahre nach dem Tode von Hermann Vogel, in einer beeindruckenden Leo Hamburger Auktion in Frankfurt am Main zur Versteigerung.
Ein weiteres Zeugnis, welches die Bedeutung dieses Exemplars unterstreicht, ist die Tatsache, dass es im bedeutendsten Werkverzeichnis über deutsche Renaissance-Medaillen, das je erstellt wurde, abgebildet ist:
dem grossen und schön illustrierten Werk von Georg Habich: Die deutschen Schaumünzen des XVI. Jahrhunderts, welches zwischen 1929 und 1934 in 4 Bänden erschien und mehr als 334 Tafeln mit Abbildungen deutscher Renaissancemedaillen umfasst.
Die Tatsache, dass dieses Exemplar von Habich persönlich ausgewählt wurde, um das grösste Meisterwerk der deutschen Renaissance-Medaillenkunst in seiner Publikation abzubilden, bestätigt die aussergewöhnlichen Merkmale dieser Medaille.