Highlight aus der Lugdunum Auction 21

Die Calaisienne

Eine herausragende Medaille
zum Ende des Hundertjährigen Krieges

Frankreich. Königreich. Karl VII, 1422-1461. Breite Silbermedaille, 1455 (Chronogramm), unsigniert,
in Gedenken an die Vertreibung der Engländer am Ende des 100-jährigen Krieges; Ø 69mm; 60.95 g

Los 48  /  Schätzung CHF 50’000  /  Zuschlag CHF 340’000

Die Calaisienne ist eine herausragende Silbermedaille. Sie wurde 1455 vom französischen König Karl VII.  geprägt und erinnert an den Sieg der Franzosen im 100-jährigen Krieg über die Engländer und deren Vertreibung aus dem französischen Herrschaftsgebiet.

Sie kann als höchste Auszeichnung gesehen werden, mit welcher Karl der VII. seine Ritter ehrte. Für die letzten, heldenhaft geschlagenen Schlachten des 100-jährigen Krieges, wurde sie nur den loyalsten und tapfersten Rittern überreicht.

In unserem Video stellen wir Ihnen die Eigenschaften der Medaille vor, wie u.a. ihre Seltenheit, ihre historische und numismatische Bedeutung, ihr künstlerischer Wert sowie ihre spannende Provenienz.

Entdecken Sie die Medaille im Video

Dieses Video ist auch in Englisch und Französisch verfügbar.

Die Calaisienne in Ihren Händen

Die Calaisienne und ihre Zeit

Text von Dr. Jonas Emmanuel Flueck

Eine gute Medaille ist an bestimmten Eigenschaften zu erkennen: an ihrer Erhaltung, ihrer Seltenheit, ihrer numismatischen Bedeutung, ihrem künstlerischen Wert und manchmal ihrer Provenienz, d.h. ihrer Herkunft und ihrem Weg im Münzmarkt. Doch eine aussergewöhnliche Medaille vereinigt alle diese Eigenschaften und diese Medaille ist aussergewöhnlich!

Die Calaisienne wurde 1455 vom französischen König Karl VII. geprägt und erinnert an den Sieg der Franzosen im 100-jährigen Krieg über die Engländer und deren Vertreibung aus dem französischen Herrschaftsgebiet.

Sie ist eine von 8 verschiedenen, bekannten Medaillen-Varianten, die in der Zeit von 1451-1460 geprägt wurden und diesen aussergewöhnlichen Sieg preisen.

Sie wird manchmal Calaisienne genannt, als Andeutung an die Stadt Calais, die als letzte Stadt nach dem Krieg noch im Besitz der Engländer war.

Die Medaille kann als höchste Auszeichnung gesehen werden, mit welcher Karl der VII. seine Ritter ehrte. Für die letzten, heldenhaft geschlagenen Schlachten des 100-jährigen Krieges, wurde sie nur den loyalsten und tapfersten Rittern überreicht.

Und man kann sich vorstellen, was der Empfänger dieser Medaille ertragen und vollbringen musste, um eine solch bedeutende Auszeichnung überhaupt zu erhalten.

König Karl VII. von Frankreich, 1422-1461

Ikonografie

Vorderseite: der König hoch zu Ross - Rückseite: Ihre Majestät auf dem Thron

Auf der Vorderseite ist der König hoch zu Ross als oberster militärischer Führer auf dem Schlachtfeld abgebildet.

Auf der Rückseite ist Ihre Majestät der König als erhabener, politischer Führer auf dem Thron sitzend zu sehen.

Diese Bildumsetzung macht diese Medaille zu der künstlerisch weitaus schönsten unter den 8 bekannten Varianten der Calaisiennes.

weitere Varianten der Calaisienne

Seltenheit

Dass die Calaisienne eine von nur drei bekannten Exemplaren dieses Typs ist, ist besonders bemerkenswert. Ein Exemplar befindet sich im British Museum in London und eines ist im Besitz der Bibliothèque Nationale in Paris.

Somit, und nach unseren Kenntnissen, ist dieses Exemplar das einzige, welches in Privatbesitz ist und nun zum Verkauf steht.

Historische Bedeutung

Wie bereits erwähnt, feiert diese Medaille das Ende des 100-jährigen Krieges, einem Kriegsende, welches zu den wichtigsten Ereignissen des ausgehenden Mittelalters zählt.

Die Medaille ist aber auch Sinnbild für „die Geburt der modernen, französischen Nationˮ und einem nationalen Bewusstsein, das aus der Asche eines ganzen Jahrhunderts voller Kriege aufsteigt. Unter diesem Gesichtspunkt gehören die Calaisiennes zu den ersten französischen Medaillen, die geprägt wurden.

Drei historische Persönlichkeiten

Wenn wir die Medaille genau betrachten, erinnern wir uns unweigerlich an drei bekannte historische Persönlichkeiten:

Karl VII. - König von Frankreich

Die erste Persönlichkeit ist König Karl der VII., dessen militärische und politische Erfolge wunderbar dargestellt sind und in der umlaufenden Legende gepriesen werden. Sein Spitzname „der Siegreiche” scheint wohlverdient. Aus militärischer Sicht erringt er den entscheidenden Sieg über die Engländer. Ein Sieg, welcher vier Generationen seiner Vorfahren verwehrt blieb. Aus politischer Sicht gelingt es ihm, den Thron Frankreichs zurückzugewinnen, obwohl sein eigener Vater Karl VI. ihm die Krone Frankreichs verweigerte und diese sogar einem englischen König versprach.

Karl VII. - König von Frankreich
John Talbot (knieend)

John Talbot - englischer Ritter

Die zweite historische Persönlichkeit ist John Talbot, der englische Ritter, welcher in Shakespeare’s Bühnenstück Henry VI. einen heldenhaften Auftritt hat. Talbot wurde geschlagen und in der Schlacht von Castillon, der letzten des 100-jährigen Krieges, getötet.

Die Schlacht fand im Jahr 1453 statt, nur 2 Jahre bevor diese Medaille entstand und womöglich einem seiner gegnerischen Zeitgenossen überreicht wurde.

Jeanne d'Arc - die Jungfrau von Orléans

Die dritte historische Persönlichkeit ist Jeanne d’Arc, die Jungfrau von Orléans, Heldin von Frankreich und bekannt für Ihre führende Rolle in den entscheidenden Siegen Karls‘ VII.

Bis zu ihrer Gefangennahme durch die Engländer und ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen war sie die loyalste und mutigste Mitstreiterin an der Seite Ihres Königs. Wäre sie 1455 noch am Leben gewesen, hätte sie bestimmt zu den Wenigen gezählt, die eine derart aussergewöhnliche Ehrenmedaille erhalten hätten.

Jeanne d'Arc, 1412-1431

Künstlerische Leistung

Der König hoch zu Ross: kraftvoll und entschlossen

Der bemerkenswerte Stil macht diese Medaille zu einem wahren Meisterwerk mittelalterlicher Kunst.

Auf der Vorderseite sind die Kraft und die Entschlossenheit des Königs hoch zu Ross geradezu greifbar dargestellt.

Der König schwingt das Schwert, sein Waffenrock und die Kuvertüre seines Pferdes wehen im Wind und sein Pferd im gestrecktem Galopp scheint geradezu auf den Feind zuzufliegen.

In starkem Kontrast dazu zeigt sich die statisch gehaltene Rückseite. Die Autorität und ruhende Stärke des Königs werden von der perspektivischen Darstellung des Throns unterstrichen.

Die Technik der Perspektive ging in den Jahrhunderten nach der Antike verloren, doch sie wird bald zu den wichtigsten Wiederentdeckungen der Renaissance gehören.

Seine Majestät, der König - Der Thron in der Perspektive

Numismatische Bedeutung

Die Calaisienne im Grössenvergleich zur damals grössten Silbermünze von HeinrichVI.

Die Medaille ist ebenfalls ein Meisterwerk handwerklicher Metallarbeit.

Nebst den anderen Varianten der Calaisiennes gehört diese Medaille, mit einem Durchmesser von 69mm, zu den grössten mittelalterlichen Medaillen, die je geprägt wurden. Sie markiert deshalb eine regelrechte Revolution in der Geschichte der Münz- und Medaillenprägung, denn es ist das erste Mal, dass man eine solche Grösse wählte.

Zum Vergleich: ihre Fläche ist über sieben Mal grösser als die Fläche der damals grössten, geprägten Silbermünzen, den silbernen Groats.

Spannende Entdeckung

Unsere Nachforschungen führten uns zudem zu einer weiteren, spannenden Entdeckung:

Die Medaille war Teil der Weltausstellung von 1867, welche in Paris stattfand. Die Ausstellung repräsentierte den Höhepunkt des zweiten französischen Kaiserreichs unter Napoleon III. Ihre aussergewöhnliche historische Bedeutung sowie ihr künstlerischer Wert waren bestimmt die wichtigsten Gründe dafür, weshalb dieses Exemplar ausgestellt wurde.

Wir können uns Kaiser Napoleon III. vorstellen, wie er mit Stolz dieses zeitlose Symbol eines starken und siegreichen Frankreichs betrachtete und bewunderte. Sie war ausgestellt vor angesehenen Gästen wie Zar Alexander II., Otto von Bismarck, Prinz Franz Joseph von Österreich-Ungarn sowie über 10 Millionen weiteren Besuchern aus aller Welt.

Napoleon III. (Bildmitte) in Begleitung mehrerer Europäischer Würdenträger

Das letzte Mal auf dem Münzmarkt
in 1921

Dank intensiver Nachforschungen ist es uns gelungen, ebenfalls bemerkenswerte Provenienzen wiederzuentdecken, die über 150 Jahre zurückverfolgt werden können. So fanden wir heraus, dass diese Medaille einst Teil von zwei angesehenen Sammlungen war:

Benjamin Fillon

Die Medaille war Teil der Sammlung von Benjamin Fillon, einem bekannten französischen Numismatiker, Archäologen und Sammler von Kunstobjekten der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde im Château de la Court aufbewahrt.

Im Jahr 1882, knapp ein Jahr nach Fillon’s Tod, wurde seine Sammlung, inklusive unserer Medaille, im Hotel Drouot in Paris versteigert.

Sie ging in den Besitz eines weiteren, berühmten Sammlers, Monsieur Frédéric Engel-Gros, über.

Engel-Gros war ein reicher französischer Industrieller und Kunstsammler. Er lebte im Château de la Ripaille, welches an den französischen Ufern des Genfersees liegt.

Die Medaille blieb während über 40 Jahren im Château de la Ripaille. Im Dezember 1921, nach dem Tod von Frédéric Engel-Gros, wurde sie, nebst anderen Stücken seiner numismatischen Sammlung, erneut im Hotel Drouot in Paris versteigert.

Fast genau 100 Jahre sind seither vergangen, als die Calaisienne zum letzten Mal auf dem Münzmarkt erschien. Während dieser Zeit verblieb sie im Familienbesitz des letzten Käufers.

Frédéric Engel-Gros

Eine Medaille mit berühmter Provenienz

Martine, Comtesse de Béhague, 1870-1939

Diese Medaille ist Teil einer kleinen Gruppe von herausragenden Medaillen, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der berühmten französischen Kunst-Sammlerin, Numismatikerin und Mäzenin Martine, Comtesse de Béhague, 1870-1939, zusammengetragen worden sind.

Die Medaille wurde in der Lugdunum Auktion 21 im Spätfrühling 2021 versteigert.

Der Einlieferer hat entschieden, den Erlös aus dem Verkauf der Medaille für den Wiederaufbau und die Renovation der Kathedrale Notre-Dame de Paris zu spenden.

Kathedrale Notre Dame in Paris