Highlight aus der Lugdunum Auction 21

Die Supremacy Medaille

Eine seltene Medaille von
Heinrich VIII. - König von England

Grossbritannien, Königreich. Heinrich VIII., 1509-1547. Breite Goldmedaille, 1545, London.
Zur Erinnerung an die Annahme des Titels Oberstes Haupt der Kirche von England
durch den König. Von Henry Bayse (?); Ø 50 mm; 61.06 g.

Los 96  /  Schätzung CHF 75’000  /  Zuschlag CHF 260’000

Die Supremacy Medaille ist eine sehr seltene Goldmedaille. Sie wurde 1545 vom Englischen König Heinrich VIII. geprägt und feiert seinen Aufstieg zum Oberhaupt der Kirche von England 10 Jahre zuvor.

Auch in Silber bekannt, sollte sie als diplomatisches Geschenk ausgehändigt werden und den glanzvollen neuen Titel des Königs verkünden. Sie könnte aber auch von Heinrich VIII. persönlich einem wichtigen und loyalen Unterstützer überreicht worden sein.

In unserem Video stellen wir Ihnen die Eigenschaften der Medaille vor. Entdecken Sie mehr über ihre Seltenheit, ihre historische und numismatische Bedeutung sowie ihren künstlerischen Wert.

Entdecken Sie die Medaille im Video

Dieses Video ist auch in Englisch und Französisch verfügbar.

Die Supremacy Medaille in Ihren Händen

Die Supremacy Medaille und Ihre Zeit

Text von Dr. Jonas Emmanuel Flueck

Für Jahrhunderte dienten Medaillen verschiedenen Zwecken:

Als Auszeichnung wurden sie in Anerkennung für herausragende Leistungen oder ergebene Loyalität überreicht. Als Andenken erinnerten sie an aussergewöhnliche Ereignisse oder wichtige Persönlichkeiten und als Andachtsbild waren sie Ausdruck der spirituellen Werte jener Zeit und dienten zu deren Verbreitung.

Diese sehr seltene Goldmedaille diente all diesen Zwecken und noch weiteren mehr. Sie war eine deutliche, in Gold geprägte Botschaft, welche die Englische Gesellschaft der kommenden Jahrhunderte neu formen wird.

Die Medaille wurde 1545 vom englischen König Heinrich VIII. geprägt und feiert seinen Aufstieg zum Oberhaupt der Kirche von England 10 Jahre zuvor.

Die Medaille, die es auch in Silber gibt, sollte als diplomatisches Geschenk ausgehändigt werden und den glanzvollen neuen Titel des Königs verkünden. Sie könnte aber auch von Heinrich VIII. persönlich einem wichtigen und loyalen Unterstützer überreicht worden sein, denn einige Merkmale der Medaille deuten darauf hin.

Interessanterweise hat unser Exemplar ein Loch und wurde womöglich von seinem Empfänger mit Stolz getragen oder prominent zur Schau gestellt. Das Loch ist genau an der richtigen Stelle, um stets die Büste des Königs zu zeigen.

Vor diesem Hintergrund können wir uns vorstellen, welch wichtiger Status der Empfänger einer solch wertvollen Medaille hatte und was er erlebt haben könnte, während er mit einem der temperamentvollsten und gefürchtetsten Könige Englands in Kontakt stand.

Charles de Solier, comte de Morette, 1480-1552 Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren

Ikonografie

Die Supremacy Medaille geprägt 1545

Auf der Vorderseite sehen wir die Büste des bereits gealternten Königs. Er blickt nach rechts, trägt eine Kopfbedeckung und einen reich verzierten Mantel.

Die Rückseite zeigt zwei aufeinanderfolgende, in Hebräisch und in Griechisch verfasste Inschriften, die den neuen Herrschaftstitel des Königs preisen, sowie das Datum und die Münzstätte.

Rarität

Dass dieses Exemplar eines von nur 5 bekannten Exemplaren in Gold ist, ist einzigartig, denn 4 Exemplare sind im Besitz von Museen:

Ein Exemplar befindet sich in den Sammlungen des Ashmolean Musem in Oxford, eines im British Museum in London, eines im Hunterian Museum in Glasgow und eines im National Maritime Museum in Greenwich.

Somit, und nach unseren Kenntnissen, ist dieses Exemplar das einzige, welches in Privatbesitz ist und nun zum Verkauf steht.

Historische Bedeutung

Wie bereits erwähnt, wurde die Medaille zur Ernennung König Heinrichs VIII. als Oberhaupt der Kirche von England geprägt. Dieses Ereignis markiert das Ende der Beziehung zum Papst, die ein halbes Jahrtausend lang währte und den Bruch mit der römisch-katholischen Kirche. Und sie markiert den Beginn der englischen Reformation, welche in den folgenden Jahrhunderten die Anglikanischen Kirche, wie wir sie heute kennen, hervorbringen wird.

Doch diese Medaille ist mehr als eine religiöse Medaille, denn sie erinnert an ein Ereignis, dessen Konsequenzen weit über die religiöse Doktrin und deren Auslegung hinausgehen werden.

In politischer Hinsicht

In politischer Hinsicht verhilft die Ernennung zum Oberhaupt der Kirche von England Heinrich zu göttlicher Legitimation, um seine Macht und die Tudors als herrschende Dynastie über England zu festigen. Nun kann er seinem Streben nach einem männlichen Nachfolger ungehindert nachgehen, da es ihm möglich wird, sich von seiner ersten Frau Katharina von Aragon scheiden zu lassen. Das, wie wir wissen, tragischerweise auch auf Kosten der Leben von vier seiner fünf weiteren Gemahlinnen.

In wirtschaftlicher Hinsicht

In wirtschaftlicher Hinsicht und einmalig in der Geschichte Englands, gelingt es ihm, durch die Auflösung der Klöster die grösste Privatisierung herbeizuführen. Auf einen Schlag erhält er Zugang zu immensen Reichtümern und dies macht ihn zum grössten und mächtigsten Landeigentümer Englands. Es könnte sogar sein, dass das Gold, aus der unsere Medaille geprägt wurde, aus den eingeschmolzenen Kostbarkeiten eines Klosters stammt.

In sozialer Hinsicht

In sozialer Hinsicht markiert diese Medaille die Geburt der modernen Englischen Gesellschaft.

Um sich vor dem feindlich gesinnten Adel zu schützen, treibt Heinrich VIII. die Rolle des Parlaments voran und umgibt sich mit talentierten Bürgern, die er selbst ernennt. So wundert es nicht, dass seine wichtigsten Ratgeber, Thomas Wolsey und Thomas Cromwell, die Söhne eines Fleischers und eines Schmieds sind.

Durch die Auflösung der Klöster, besteht zum ersten Mal für Angehörige der Mittelschicht die Möglichkeit, Ländereien zu erwerben und das in einer Gesellschaft, die über Jahrhunderte vom Adel und Klerus dominiert wurde. Heinrich VIII. ebnet somit einer neuen sozialen Klasse, dem British Landed Gentry (britischen Landadel), den Weg und verändert damit die englische Gesellschaft nachhaltig.

Künstlerische Leistung

Im Vergleich zu den italienischen, französischen und deutschen Renaissance-Medaillen, scheint diese Medaille von niedrigerem künstlerischen Wert zu sein. Und dies überrascht angesichts der geschichtlichen Bedeutung, welche die Goldmedaille symbolisiert und angesichts der Tatsache, dass Heinrich VIII. einer der grössten Kunstsammler seiner Zeit war.

Heinrich VIII. gemalt von Hans Holbein
dem Jüngeren

Um die Medaille deshalb richtig zu deuten, müssen wir uns bewusst machen, dass die meisten Renaissance-Medaillen gegossen und nicht geprägt wurden. Italienische und französische Künstler waren in der Gusstechnik, die eine Darstellung in hohem Relief erlaubt, die wahren Meister.

Doch infolge der politischen Lage und der Hintergründe, die zur Prägung dieser Medaille führten, bleibt Heinrich VIII. der Zugang zu den Künstlern des Kontinents verwehrt.

Wenn wir also den künstlerischen Wert der Medaille, die dem Stempelschneider Henry Bayse zugesprochen wird, gerecht werden wollen, müssen wir sie mit den geprägten Münzen und Medaillen ihrer Zeit vergleichen.

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Medaille ein sehr ehrgeiziges Projekt und das Produkt echten Könnens. Denn wenn man bedenkt, dass das ‘Prägen’ in England damals die einzige verfügbare Technologie war, besticht sie durch komplizierte Details und das hohe Relief.

Das Portrait Heinrichs VIII. ist derart realistisch umgesetzt, dass es auf den ersten Blick an die bekannten Gemälde von Hans Holbein dem Jüngeren erinnert. Es könnte sogar sein, dass der Stempelschneider eines von Holbeins’ Gemälden als Modell für diese Medaille benutzte.

Symbolkraft

Obwohl die Rückseite der Medaille weniger beeindruckt, spielt sie doch eine wichtige und zugleich symbolträchtige Rolle.

Dass die Inschriften in Griechisch und Hebräisch verfasst sind zeigt die Erhabenheit des neuen Herrschaftstitels und zeugt vom König als aufgeklärten und gebildeten Herrscher der Renaissance. Die hebräische Inschrift symbolisiert das Alte und die griechische Inschrift das Neue Testament.

Somit illustriert die Rückseite dieser Medaille den Wunsch, zu den Ursprüngen der heiligen Schrift zurückzukehren. Ein Wunsch, der ein Wendepunkt der religiösen Reformen in Europa sein wird.

Die Rückseite mit den griechischen und
hebräischen Inschriften

Numismatische Bedeutung

Die Supremacy Medal vs Sovereign

Diese Medaille gilt als die erste englische Gedenkmedaille, die je geprägt wurde. Ihr Wert und ihr Gewicht sind nahezu 5 Mal grösser als die des ‘Sovereign’, der grössten damals geprägten Englischen Goldmünze.

Mit den Münzen, die unter Henry Bayse geprägt wurden, ist die Supremacy Medaille ein Meilenstein der Ikonografie englischer Münzprägung.

Sie zeugt vom Ende einer über 4 Jahrhunderte alten Tradition, den König als idealisierten, mittelalterlichen Herrscher darzustellen und markiert den Beginn der individualisierten Darstellung eines klar erkennbaren und modernen Monarchen.

Die Supremacy Medal markiert den Beginn der individualisierten Darstellung eines erkennbaren und modernen Monarchen

Eine Medaille mit berühmter Provenienz

Martine, Comtesse de Béhague, 1870-1939

Diese Medaille ist Teil einer kleinen Gruppe von herausragenden Medaillen, welche zu Beginn des 20. Jahrhunderts von der berühmten französischen Kunst-Sammlerin, Numismatikerin und Mäzenin Martine, Comtesse de Béhague, 1870-1939, zusammengetragen worden sind.

Die Medaille wurde in der Lugdunum Auktion 21 im Spätfrühling 2021 versteigert.

Der Einlieferer hat entschieden, den Erlös aus dem Verkauf der Medaille für den Wiederaufbau und die Renovation der Kathedrale Notre-Dame de Paris zu spenden.

Kathedrale Notre Dame in Paris